100.000 Freunde sind erst der Anfang

100.000 Freunde sind erst der Anfang

Otto hat auf Facebook die Grenze der 100.000 Freunde inzwischen locker überschritten. Nachgeholfen haben starke Impulse wie Modelcontests und Gewinnspiele. Der jüngste Modelcontest hat per se mehr als 30.000 Bewerbungen gebracht und wurde vorzeitig abgebrochen. 

Aus dem operativen Geschäft ist bekannt, dass stark über Gewinnspiele eingekaufte Kunden einen anderen Wert haben als solche, die zu regulären Preisen und ohne mächtige Vkf-Hebel eingekauft haben. Sind die 100.000+ Freunde also wenig wert?

Die Antwort scheint mir nicht so einfach. Vkf hat nicht umsonst bei Unternehmen wie Otto oder Klingel oder Yves Rocher oder CCB-Paris oder 3Pagen oder... eine lange und gute Tradition. Nicht der Einsatz der Gewinnspiele und Vkf-Hebel ist das Problem, sondern der Mechanismus insgesamt - und die Anstoßkette. Klar, wenn man Listen anmietet, dann achtet man peinlich darauf, dass die Kunden nicht über Gewinnspiele angelockt wurden. Solche Adressen performen einfach schlechter als Mehrfachkäufer. Aber worauf es ankommt, ist das Aktiv-Merkmal. Die Reaktion.

Freilich, eine Reaktion auf Facebook hat nochmal eine andere Qualität als eine Reaktion auf ein Mailing hin. Auch dann, wenn die Gewinnspielteilnahme nicht an die Warenbestellung gekoppelt ist bzw. sein darf. Aber was genau ist Facebook eigentlich? Vielleicht wird man vom Begriff "Fan" oder "Freund" ja in die Irre geführt.

Wir versuchen, unsere Kunden zu Freunden zu machen, zu Fans, zu "advocats". Zur "Beste Bohne-Selektion", wie ein Listbroker es früher scherzhaft nannte. Die Kundin ist dann für den Händler weniger wert als eine Freundin.

Auf Facebook ist es genau umgekehrt. Fan zu sein oder Freund ist erst der Anfang. Es ist eine lose Interessenbekundung, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Es ist die Einladung, weiter im Gespräch zu bleiben. Clara Shih hat im Buch "The Facebook Era" dies als zentralen Wert für "juristische Personen" herausgearbeitet.

Die weiß gestrichelten Balken machen den großen Teil der Kontakte auf Facebook aus. Auf den normalen User gespiegelt, sind es die lockeren Kontakte - man hat jemanden bei einer Party getroffen, am Beginn des ersten Unisemesters, und baut allmählich den Freundeskreis auf. Dafür war Facebook ursprünglich ja da, nicht um mit den besten Freunden abzuhängen. (Da hat Mark Zuckerberg ja lieber Billard gespielt, wie wir heute wissen.)

David Armano hat ein schönes Bild von der Conversation-Spirale gezeichnet, das diesen langen Weg abbildet:

Mit anderen Worten: "Interaction", nämlich Kauf, steht nicht unbedingt am Anfang oder weit vorne in der neuen Kundenbeziehung, sondern ganz am Ende. Dass von den 100.000+ Freunden von Otto nur ein Teil auch zu Kunden werden, ist nicht anders zu erwarten. Wichtig ist eben, was man draus macht.

Aber ist das im Versandhandel wirklich neu? Auf "Kassenzone" gab es vor einiger Zeit die spannende Diskussion über den Customer Lifetime Value. Darüber, ob es wichtig sei, möglichst viele Kunden zu haben - den Markt zu "kaufen" - oder weniger, aber hochwertige treue Kunden. Versender leben im Internet zum einen mit der Herausforderung, dass die klassische Anstoßkette nicht mehr funktioniert. Sie müssen tendenziell aus jedem einzelnen Kauf einen Gewinn erzielen.

Wenn Kataloge nicht mehr das richtige Medium sind, dann stellt das Ökosystem Facebook vielleicht den neuen Weg dar, "prospects" allmählich zu "customers" zu machen. Dann reicht allerdings das Modell "Contest" nicht aus, sondern es muss eine Kauf-orientierte Kommunikation folgen, die über Links zu Sonderangeboten hinaus geht. Das ist das Thema der "Gamification" bzw. Spiel-Ansätze. Hier sieht man noch sehr wenig im Versandhandel. Mich beeindruckt hier das Konzept des amerikanischen Outdoor-Händlers Moosejaw, der (typisch amerikanisch) ein Punktesystem entwickelt hat. Wer auf Facebook oder Twitter witzige, aktivierende Spiele mitmacht, erhält dafür Punkte, die er sammeln und einlösen kann.

Moosejaw hat nichts zu verschenken, wie auf Facebook sehr deutlich wird:

Herzlichen Glückwunsch an Otto für aktuell 114.713 Freunde/Fans/Kontakte auf Facebook. Gestern abend waren es 109.000 - den Motor in der Akquise hätte mancher gerne. Und ich bin gespannt, was Otto draus macht.

Kommentare

Christian schreibt am 19.11.10 11:12:
Ganz ehrlich: Social Media sollte für Versandhändler \"alter Wein in neuen Schläuchen\" sein.
Denn worum geht es: Interessenten zu Kunden und dann zu Wiederkäufern zu machen.
Nichts anderes beschreibt das Geschäftsmodell eines jeden Versandhändlers (in der Akqui das Geld ausgeben, welches man bei den Stammkunden verdient).

Früher mit Katalogen, in letzter Zeit mit Emails und mit Google-Traffic, nun eben auch auf Facebook.

Ziel jedes Versandhändlers ist daher erstmal der Aufbau eines Datenbestandes. Dies ist aber nur der erste Schritt auf dem zwangsläufig der 2. folgen muss und der heisst \"möglichs effiziente Bearbeitung dieses Bestandes\".
Aktuell vollzieht sich in der Diskussion der Fananzahlen bei Facebook die alte \"Schwanzvergleich\"-Diskussion der Email-Bestände (vor ca. 5 Jahren hat man sich gerühmt mehr Email-Adressen als der Wettbewerber zu haben etc.)
Damit ist aber keinem geholfen, denn wie eben besschrieben da steckt man im 1. Schritt fest.

Wer heute erfolgreich Versandhandel betreibt, muss wissen bei welchem Eintrag in der Datenbank es sich lohnt aktiv zu werden bzw. worauf er reagiert (unabhängig vom sog. Kanal).

Ich bin auch gesapnnt wie es Unternehmen gelingen wird, ihre Kontakte auf Facebook zu monetarisieren.
Aber ich glaube auch abseits der schönen Powerpoint-Charts von Social Media Agenturen:
Keiner versteht den Kundenlebenszyklus besser als Versandhändler, dass einzige was Ihnen fehlt ist der Ausbruch aus \"alten\" Denkmustern hin in neue innovative und kreative Wege. Da fehlen einfach Prozessschritte und Freiräume.

Dass Sie es können haben Sie längst bewiesen: Oder ist nicht genau die \"alte\" aus dem Katalog bekannte Freundschfatswerbung (Kunden werben Kunden) nicht genau die Antwort auf das letzte Comic zur Monetarisierung von Freunden?

Die Spielregeln bleiben also die gleichen, nur die Geschwindigkeit des Spiels und die Anzahl der Akteure ändert sich.

Oder mal anders gesagt: Ein Paul Breitner würde heute in der Bundesliga kaum mehr mitspielen können. Auch wenn immer noch das \"runde ins Eckige\" muss :-)

Schönes Wochenende

P.s.: Sorry für Tippfehler (das EIngabefeld ist einfach zu klein um nochmal in Ruhe drüberzulesen)


Martin schreibt am 20.11.10 10:30:
Sie haben soooo recht. Ich bin aber überzeugt, dass Versender, die wirklich in die Mechanismen der Social Media einsteigen, besser als andere über die ersten, meist \"enttäuschenden\" Monetarisierungsversuche hinwegblicken und dafür wirklich performende Konzepte finden. LwL in neuem Gewand... Und doch mehr. Social Media können und müssen künftig auch in die anderen Kanäle zurückfließen.
Rina schreibt am 23.11.10 12:06:
Dieses Feld wird ja von vielen kleineren Händlern noch nicht beackert - aber das muss jeder selber wissen. Auch hier wird gelten: Wer zu spät kommt, den bestraft..........
Tobias schreibt am 23.11.10 21:33:
Die eigentliche Chance von Social Media liegt für mich in der Wiederentdeckung der Ehrlichkeit: der Kunde merkt, ob ich es wirklich ernst mit ihm meine, oder ob es sich \"nur\" um Werbung handelt!

Sicherlich sind 100.000+ Freunde auf Facebook toll, aber spannend wird sein, zu sehen, ob und wenn ja, wie Otto dieses \"Interesse\" an der Marke Otto weiter emotionalisieren und final langfristig monetarisieren kann.

Gewinnspiele etc. sind toll, aber mal sehen, was davon wirklich hängen bleibt!

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27.04.2012 11:58

Danke :-) RT@jkrisch: Zalando vs. Otto: http://t.co/sfGu302A tolle Doku eines Zalando-Vortrags von @stephanmeixner und @VH_Berater

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