Gesucht: Berggruens "nachhaltiges" Konzept
Der Freudentaumel der ver.di-Funktionäre muss einen Grund haben - oder hat Nicolas Berggruen einfach nur am wenigsten gedroht? Angeblich soll er ein nachhaltiges, unternehmerisches Konzept vorgelegt haben. Ich habe lange nach Spuren gesucht, aber bisher nichts gefunden.
Die Aussagen von Berggruen vor dem Kauf waren bestenfalls blumig, in einigen Passagen aber ziemlich dürftig. In einem langen Interview mit dem Manager Magazin findet sich die folgende Passage:
Sehen Sie, der Grund, wieso Karstadt am Abgrund steht, ist nicht das Kaufhausgeschäft des Unternehmens an sich. Sondern die sehr ungünstigen Mieten, die Karstadt für seine Filialen zahlen musste. Wenn wir da ansetzen, besteht für Karstadt eine gute Chance. Deshalb wollen wir Karstadt komplett.
Das Warenhaus an sich ist kein Problem? War Quelles dicker Katalog ja auch nicht, oder? Gerade der Universalversand zeigt ja, dass sogar bei günstigeren Porti und niedrigen Papierpreisen strukturelle Probleme bestehen, die über solche Rahmendaten hinausgehen. Das Konzept der Flächenbewirtschaftung - übrigens identische Terminologie in Warenhaus und Katalog - bei Warenhaus-artigen Angeboten scheint mir doch heutzutage "systemische Schwächen" zu haben.
Die Aussage zu den Mieten an sich heißt lediglich, dass die Flächen nicht mehr produktiv genug sind, um die nötigen Quadratmeter-Umsätze und -Deckungsbeiträge einzubringen. Eine Anpassung nach unten kann also durchaus Luft verschaffen, wenn auch nur zeitweilig. Allerdings liegt das Mietniveau ja nicht zuletzt an den atemberaubenden Transaktionen von Thomas "Big T" Middelhoff. Highstreet zeigt sich nicht wirklich gesprächsbereit.
Gesetzt den Fall, Berggruen gelingt es, die Mieten dauerhaft und substantiell zu senken. Was wäre die Perspektive im Handel? Wieder Berggruen:
Wir wollen das Einkaufserlebnis bei Karstadt glamouröser gestalten, und dazu müssen wir Geld in das Unternehmen investieren. Und zwar über den Kaufpreis weit hinaus.
Und:
Wir wollen Karstadt verjüngen.
Das klingt nun doch wieder nach den Rezepten, die Middelhoff und Adlatus Wolf Karstadt verordnet hatten. Nicht wirklich erfolgreich, aber vielleicht hat sich die Umstellung zu lange hin gezogen und zu viele Resourcen gefordert.
Immerhin hat Berggruen mit BCBG Max Azria einen integrierten Markenvertreiber als Berater hinzugezogen. Die BCBG-Marken (Hervé Leger, Max Azria, BCBGMAXAZRIA Runway und BCBGeneration liegen allerdings deutlich über dem typischen Karstadt-"Ticket". Es ist eine ganz andere Zielgruppe, mit der sich BCBG auskennt.


Andererseits entspricht die Ausrichtung von BCBG Max Azria dem, was auch Handelsberater dem Warenhaus weisen: Weg von dem verlorenen Schlachtfeld der Unterhaltungselektronik, weg von Büchern, weg von Haushaltswaren, weg von Kurzwaren. Ausrichtung auf Mode/Markentextilien und Accessoires wie Lederwaren, Schuhe, auch Düfte und Schmuck.
Eine Online-Strategie kann man bei BCBG Max Azria nicht feststellen. Es wird zwar auch im Web verkauft, allerdings kommt dabei nicht mehr als ein Pflicht-Konzept heraus. Sauber, ordentlich. Langweilig (der Style-Creator ist zwar da, aber kaum auffindbar). Immerhin knapp 65.000 Nutzern gefällt, was BCBG Max Azria auf facebook treibt. Dort kommt zurecht die jüngere Runway-Kollektion ins Rampenlicht.
Der distanzierte Ansatz von BCBG wird vor radikalen Veränderungen bei Karstadt wohl zurückschrecken. Ob am Ende nicht doch wieder die Konzentration auf Glamour-Filialen im Rahmen der viel beschworenen Deutschen Warenhaus AG steht, ist zumindest nicht ausgeschlossen.
Das "nachhaltige unternehmerische Konzept" ist für mich bisher also nicht sichtbar. Die Arbeit liegt noch vor Berggruen: Wem wird er die operative Führung anvertrauen?
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