System, nicht Prinzip
Am kritischen Bericht über die unwürdige Bezahlung der Hermes-Boten, den die ARD am Mittwoch ausstrahlte, gibt es nichts zu beschönigen: Genau vor einem Jahr gab es bei Hermes in England exakt die gleichen Vorwürfe mit den identischen Aussagen der Geschäftsleitung. Von einem „Hermes-Prinzip“ zu sprechen, drängt sich förmlich auf.
Die Rechnung, die Dr. Michael Otto im Bericht aufmachte, sah grosso modo so aus: Die Subunternehmer erhalten pro Paket zwischen 1,30 und 1,40 Euro. Die Boten selbst sollen davon zwischen 90 Cent und 1 Euro erhalten. Die Realität, wie sie der Bericht darstellt, sieht deutlich anders aus - 60 Cent im Mittel für den porträtierten Fahrer. Wohl kaum die Mehrheit, der Fahrer. Doch auch in England wurden Fälle bekannt, wo Fahrer zwischen 3,50 Pund 8 Pfund pro Stunde erhielten - angesichts der höheren Lebenshaltungskosten ein vergleichbarer Wert.
Aber ist es ein "Prinzip" des Hamburger Logistikers?
Die WDR-Journalisten haben sich nicht die Mühe gemacht, über den Logistik-Dienstleister hinaus in die Situation der Distribution im Onlinehandel hinein zu leuchten. Meines Erachtens ist Hermes nur ein Symptom einer Systemkrise, ausgelöst durch den Strukturwandel:
- Der Druck auf die Preise hat sich im Internet erhöht. Per se ist daran nichts Schlechtes. Der Wettbewerb fördert die Effizienz. Wenn Kataloge und ihre Strukturen zu teuer werden bzw. im Vergleich mit dem Online-Wettbewerb prozentual zu hohe Umsatzkosten tragen, dann kann durch die Umstellung auf Performance Marketing Marge freigeräumt werden. Aber das ist eine Operation an Haupt und Gliedern, denn ein so aufgestellter Onlinehändler sortimentiert und disponiert anders als ein klassischer Versender.
- Der Wettbewerb im Internet wird immer stärker - und bis auf wenige balgen sich alle um die Top-Positionen in den gleichen Werbewegen. Dass die Preise für Google-Ads günstiger geworden wären, kann man wirklich nicht behaupten. Für manche, weniger profilierte Unternehmen ist die Neukundengewinnung dort schon nicht mehr möglich. Zugleich müssen auch sie auf immer mehr Hochzeiten tanzen, sprich immer mehr und neue Marketing-Kanäle spielen. Die Kosten des Onlinemarketings steigen, fix wie variabel.
- Einer der größten Marketing-Hebel ist die Versandkostenfreiheit, die von Onlinehändlern im Kampf um Marktanteile gnadenlos ausgespielt wird. Damit wird Geld ohne Ende verbrannt. Für die Newcomer ist es häufig das Geld der Investoren, für die Etablierten ist es die Gewinnmarge. Die Versandkosten werden als Marketingkosten angesehen und dort zugeschlagen. Das geht so lange gut, wie genügend Puffer durch Abschmelzen von teuren anderen Werbemaßnahmen besteht. Aber irgendwann ist der Speck weg und es geht an die Substanz.
- Schließlich hat sich durch das Internet und die Aktions-Orientierung neuer Vertriebsmodelle die Sendungsstruktur verändert. D.h. es werden mehr und mehr Einpöster. Die Versandkosten (1,30-1,40 Euro pro Paket, s.o.) verteilen sich also nicht auf 5-6 Artikel, sondern auf einen, oder meinethalben 2-3. Wiederum ein substanzieller Margenverlust.
Die Versender haben irgendwann das Ende ihrer Effizienzreserven erreicht. Entsprechend erhöhen sie den Druck auf die Lieferanten - vorne im Einkauf, hinten in der Logistik. Die Lieferanten wiederum geben den Druck weiter.
So gesehen, ist Hermes wie die Post oder GLS, DPD, TNT keiner, der ein "Prinzip" ausreitet. Natürlich machen diese Unternehmen Gewinn - und nicht zu knapp. Und es ist ihre Verantwortung, dass die "Stakeholder" würdig behandelt werden. Systematische unabhängige Befragung der Boten durch Dritte, sozusagen ein Audit, kann hier Mißstände aufdecken. Eine Bringschuld der Logistik-Dienstleister.
Aber man sollte auch die Systemfrage stellen. Wenn von staatlicher Seite durch Mindestlohn-Regelungen die Transportkosten steigen, wird spätestens die GuV der Versender strapaziert. Ein Grund mehr, sämtliche Prozesse auf ihre Effizienz zu befragen, und schlichtweg unrentable Geschäftsmodelle aufzugeben.
Und: branchenweit z.B. ein Siegel "faire Arbeitsbedingungen" zu schaffen, das der Gratis-Kultur entgegengestellt wird. Dann kann man begründen, warum es eben keine kostenlose Lieferung gibt. Oder warum Retouren Geld kosten. Nachhaltigkeit bzw. "fair trade" ist ein großes Thema. "There is no such thing as a free steak!", sagen die Amerikaner.
Man sollte das System transparent machen, kein "Prinzip" erklären.
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Das Ganze ist schade, spiegelt aber eine Art Kultur in Deutschland wieder. Service wird als Kostentreiber und nicht als Wertschöpfungsbeitrag gesehen.
Solange sich daran nichts ändert, wird es oben beschriebene Zustände - zum Leidwesen minder qualifizierter Arbeiter - leider weiter geben.
Leider fehlt aber auch im Markt die Bereitschaft für \"sowas\" zu bezahlen. Ich beobachte dass am Wochenende immer wieder im Supermarkt: Da wird lieber das Fleischpaket zum Niedrigstpreis mit zweifelhaften Haltungszuständen gekauft als das Biofleisch vom Bauern um die Ecke.
Solange uns solche Leistungen als Verbraucher quasi nichts \"wert\" sind, wird es schwer für Unternehmen dafür eine Monetarisierung zu erzielen und damit \"gerechter\" zu entlohnen.
Wir (Kunden) kriegen also was wir verdienen.
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