Warum sich Versender mit Open Source so schwer tun...

Warum sich Versender mit Open Source so schwer tun...

... hat mir ein guter Bekannter an einem einfachen Beispiel erläutert. Bei der Wahl z.B. des Shop-Systems kommt es darauf an, was man als seine absolute Kernkompetenz betrachtet. Und das unterscheidet sich bei den klassischen Versendern eben von neuen Händlern.

Ein Versicherungs-Konzern wird z.B. bei seinem Onlineshop darauf setzen, dass sich für jeden Kunden die Preisgestaltung und alle Bestandteile einer Seite anders zeigen - eben auf Grundlage seiner Verträge.

Ein Automobil-Konzern hat als Herzstück das Produkt "Auto", aber inzwischen mit dem Konfigurator, der aus X Varianten (Farbe, Motorisierung, Version, Zusatzausstattung) das gewünschte Fahrzeug zusammenstellt und den Preis errechnet. Darüber hinaus muss er für den Außendienst weitere Parameter abbilden, zumindest z.B. bei den Nutzfahrzeugen.

Ein Handelskonzern wie Wal-Mart denkt nicht zuerst in Kunde, sondern in Transaktionen. Daher ist für ihn die Warenkorb-Analyse das zentrale Thema. Genau wie im Laden das Category Management sich die Zusammensetzung der typischen Einkaufswagen ansieht und entsprechend die Positionierung in den Regalen optimiert.

Und die Versender?

Klassisch kommen sie vom Produkt. Die Disposition der Waren in den verschiedenen Varianten, die Analyse der Gängigkeiten in Abhängigkeit von z.B. Kundensegmenten oder Werbemitteln ist über Jahrzehnte die Kunst gewesen. Hier hat man extrem tiefes Wissen und ausgefeilte Prozesse entwickelt. Aber dadurch sind die Versender nicht Vertriebs- oder Marketing-, sondern eben Produkt-getrieben.

Der Vorteil von Open Source-Software, rasch neue Features (z.B. eine Facebook-Applikation wie gerade bei Magento) anbieten zu können, wird hier einfach nicht als Wettbewerbsvorteil erkannt. Die Kompetenz ist eine andere.

Ob diese in Zukunft noch reicht, ist eine andere Frage. Kein Wunder also, dass sich Otto schnellere Software-Lösungen neben Intershop ausdenkt - um nicht an der Kernkompetenz zu rühren, aber den mühsamen Weg abzukürzen. Trotzdem bleibt es ein meilenweiter Unterschied zu einem IT-Verständnis wie es etwa Amazon pflegt. IT ist in einem Fall der Mittelpunkt des Universums, im anderen Fall eine Dienstmagd für Einkauf und Marketing.

 

Kommentare

michael schreibt am 20.10.09 09:41:
Ganz offen - ich lese Ihren Blog ja sehr gerne, aber diesen Beitrag habe ich nicht verstanden.

Gehen wir jetzt mal davon aus, dass der klassische Versandhandel tatsächlich vom Produkt getrieben ist - was so generell sicherlich nicht richtig ist, denn weite Teile leben wenigstens vom ProduktMARKETING bzw bzw durchaus sehr ausgefeilten Vermarktungskonzepten, aber sei es drum, wobei es darauf ankommt, neue Produkttrends schnell aufzugreifen und auch neue \"Marketing-Features\" ins Mailing, in den Katalog einfliessen zu lassen. Vermutlich haben wir da einfach andere Versender als \"klassisch\" im Kopf. Die selbsternannten Dinos der Branche sind ja nun auch Offline nicht grad als die Schnellsten und Innovativsten bekannt.

Die Frage ob Open Source oder nicht kann ja grad bei ITler leicht zum Glaubenskrieg ausarten.

Bei Ihrer Open Source Betrachtung geht es also nicht um Open Office, ICQ / Skype, Linux, Wordpress, Typo 3 et al sondern um Shopsysteme.

Nun ist der Einsatz von Open Source nach meiner Beobachtung grad im Mittelstand so unüblich nicht - XT wird auch dort oft verwendet. Aber gut, reden wir über die Großversender, die sich irgendwann mal für Intershop entschieden haben. Und da ist Open Source nun den kommerziellen Großsystemen dadurch überlegen, dass Open Source schneller ist? Hmm. Gibt es aber nicht auch genügend Beispiele dafür, dass dem nicht so ist? Und wird es nicht dann schwierig, wenn die Community einbricht und das OS-System aus der Mode kommt? Beispielsweise wird OsCommerce als immer noch meistgenutzte Shopsoftware kaum mehr weiter entwickelt, bei XT zeichnet sich ähnliches ab und rund um Oxid CE hat sich ja nun auch noch nicht die Mega-Community entwickelt.

Richtig ist sicherlich, dass manche Anbieter von IT-Systemen etwas schwerfällig sind und sich mit Sonderwünschen und kurzfristiger Umsetzung beauftragter neuer Features schwer tut. Aber wenn hier der Versender in der Pflicht steht, liegt dies doch wohl eher daran, dass der Versender diese Features nicht schnell genug ausgedacht oder beauftragt hat - aber das hat doch nix mit Open Source oder nicht zu tun.
Detlef schreibt am 23.10.09 19:34:
Wir setzen als Shopsystem das XT:C als Open Source ein. Ein Vorteil in unseren Augen ist das wir bisher alles was wir an Sonderwünschen umsetzten wollten schnell und günstig von unseren Programmierer umgesetzt bekommen haben.
Volker schreibt am 26.10.09 15:54:
\"wenn die Community einbricht und das OS-System aus der Mode kommt? Beispielsweise wird OsCommerce als immer noch meistgenutzte Shopsoftware kaum mehr weiter entwickelt, bei XT zeichnet sich ähnliches ab\"

Das zeigt nur dass der Verfasser wohl eher selten die Google Suche benutzt. Gerade bei xt-Commerce haben wir eine sagen wir mal \"recht aktuelle\" Software seit einem Jährchen am Start und ENTWICKELN ( wir klauen keinen Code oder Ideen, sondern Entwickeln EIGENE - ich wollte nur mal auf den kleinen Unterschied hinweisen ! )ein eigenes Shop System. Übrigens nicht als Massenware ausgelegt.

Und zum Thema allgemein.: Dumme Menschen versuchen den Verkauf zu automatisieren, schlaue haben erkannt oder wissen bereits, dass KAUFEN und VERKAUFEN ein Spiel zwischen zwei Parteien ist. Software soll und darf da gerne verwendet werden, die sollte aber nie als das pseudo Allheilmittel im Mittelpunkt stehen.

http://www.ecb-shop.de/ DL, FAQ, WIKI, BUGTRACKER
http://www.ecombase.de/forum/ COMMUNIT SUPPORT
Martin schreibt am 26.10.09 20:16:
Mit dem Fokus auf das Produkt ist gemeint, dass der \"Catalog\" bei den Intershop das Herzstück im besten Sinne ist. Hier wie auch bei Hybris und Demandware etc. steckt eine Menge Intelligenz drin. Das ist ja auch nicht trivial und muss bei einer hohen Anfragesituation gleichmäßig hohe Performanz zeigen. (Zumindest habe ich das bei meinem Bekannten so verstanden.) Ist also nicht als eine Abwertung zu verstehen, sondern als ein Ausdruck der Produkthoheit bei vielen klassischen Versendern. Dass das bei anderen, vertriebsorientierteren Modellen anders ist, sei mal dahin gestellt.

Ich muss mich derzeit mit dem Thema beschäftigen, weil ich auf der Insight Ecommerce etwas dazu sagen soll. Im Lauf der Recherchen habe ich noch einige Aspekte aufgetan:

- Wenn ein Software-Code völlig frei liegt und keiner dafür \"organisiert Verantwortung\" übernimmt, braucht man eine genügend große Nutzerschaft dieses Codes, um ihn aktuell zu halten und zu entwickeln sowie bei Fragen als \"Community\" die Lösungen bereit zu stellen.

- Gerade heute kam die Analyse der MAC-Umfrage zur Versandhandels-Software rein. Danach haben 7 von 10 der über 270 teilnehmenden Versender keine eigenen IT-Mitarbeiter! D.h. sie sind darauf angewiesen, dass dritte die Arbeit erledigen. Sie brauchen also Systemhäuser, die in einer Software genügend \"Geschäft\" erkennen, um daran weiter zu arbeiten. Das ist beim immer noch wachsenden E-Commerce-Markt ohne weiteres der Fall. Bei den klassischen VH-Systemen eher weniger.

- Die klassischen Versandsysteme haben darüber hinaus eine Fülle von Spezialthemen. Die wurden früher bei den Legacys über Jahrzehnte entwickelt. Heute multiplizieren sich die Anforderungen, wofür die alten Systeme nicht mehr genügen, neue OS-Lösungen aber nur Bruchteile abdecken.

- Die Zukunft, habe ich heute von einem Versender gehört, liegt in der Kombination von OS-Software mit einer soliden Basis für die wesentlichen Prozesse. Dabei müsse aber permanent darauf geachtet werden, dass nicht irgendjemand z.B. am Shop vorbeiprogrammiere. Oder es dann um der Geschwindigkeit willen drei verschiedene Warenkörbe gebe.

A propos Geschwindigkeit: Die Time-to-Market und TCO werden ja gerne als Argumente für OS angegeben. Andererseits weiß ich nicht, ob das in der langfristigen Betrachtung eigentlich immer so stimmt. Und was die Zeitfrage angeht: Hier trifft eben wieder das Argument meines Bekannten, dass vielleicht das Marketing gerne mehr und schneller möchte, aber die Prozesse auf das langsamere, in anderen Rhythmen, dann aber oft auch anderen Skalierungen laufende klassische Geschäft ausgerichtet ist. Da versucht man in der Logik des Shops zu bleiben (von A-Z), um die Performance nicht zu gefährden. Und das kostet Zeit.

Am Ende bin ich mit der Thematik noch nicht. Das Thema hatte ich z.B. schon 2005 im \"VH\", als ein Kollege ein OS-ERP entwickelt hat. Das ganze ist aber einfach nicht ans Laufen gekommen, und schon damals habe ich mich gefragt, warum es einfach nicht akzeptiert wird.

Immerhin, bei Modulen wie dem CMS oder z.B. der Datenbank (etwa bei der VH-Lösung Cosmoshop) kommen OS-Komponenten heute standardmäßig zum Einsatz. Globetrotter kombiniert jetzt einerseits SAP, also alles andere als Open Source, mit dem Shopsystem Magento. Westfalia hat mit der marketing factory schon vor etlichen Jahren ein \"fast OS-Konzept\" durchgesetzt - war damals umstritten, weil die Shop-Lösung nicht frei im Internet verfügbar war.

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