Weltanschauung oder Webanschauung
Die scheinbar so hastige Verkaufsentscheidung über den Augsburger Medienhändler Weltbild hat eine lange Vorgeschichte. Dabei ist nicht so sehr die Frage spannend, ob sich hierzulande derzeit überhaupt ein Käufer für ein so großes Unternehmen findet - Geld ist im Ernstfall immer da. Vielmehr zeigt sich ein Konflikt zwischen klassischem und modernem Selbstverständnis.
2008 war ein Verkauf der Mediengruppe Weltbild schon einmal im Gespräch. 8 Monate nach den ersten öffentlichen Signalen hat der Aufsichtsratsvorsitzende, Klaus Donaubauer, den Prozess wieder abgesagt. Doch bis zu der Entscheidung, Weltbild doch nicht zu verkaufen - angesichts der Lehman-Krise im Jahr 2009 sei kein akzeptabler Preis zu erzielen -, hat Weltbild einen Transformationsprozess angestoßen, der heute in der neuerlichen, den Eigentümern wohl sehr dringlichen Veräußerung mündet.
Im Frühjahr 2009 wurde in Augsburg an Haupt und Gliedern reformiert, um in der hier angebrachten konfessionellen Sprache zu bleiben. Die Produktionsabteilung, die für den Druck der parallel verkauften Zeitschriften-Aktivitäten sowie der Kataloge zuständig war, wurde massiv verkleinert. Investiert hat Weltbild-Chef Carel Halff vor allem in die Internet-Aktivitäten und die IT: Derzeit läuft in Augsburg die Umstellung auf SAP.
Die Früchte konnten die katholischen Bistümer schon mit dem vergangenen Geschäftsjahr ernten: Weltbild hat als eines der wenigen Medienunternehmen den Übergang in die Online-Welt nicht nur gemeistert, sondern nimmt potentiell auch für die Zukunft eine führende Rolle dort ein.
Möglich wurde dies, weil Halff die Strukturen auf die neuen Gesetzmäßigkeiten des interaktiven Buchhandels voll ausgerichtet hat. Und das hieß klar: Reduktion der Vorselektion im Katalog, gezielter Kontrollverlust im Sortiment. Oder wie mir ein Online-Manager damals sagte: "Ich kann nicht darauf warten, dass der Einkauf ein Produkt für würdig befindet, in den Katalog aufgenommen zu werden. Die Kunden verlangen es jetzt, die Nachfrage ist in dieser Minute im Netz da - da muss ich das Angebot haben."
Solche Ausrichtung am aktiven Kunden funktioniert nur, wenn die Hoheit über den Katalog aufgegeben wird. Und genau das hat Weltbild konsequent gemacht: Millionen von verfügbaren Produkten können nicht einzeln klassifiziert und selektiert, bewertet und genehmigt werden. Die Bereitstellung erfolgt über einen Großhändler und zielt auf maximale Lieferfähigkeit.
Damit ist Weltbild auch für 0,017 % Nachfrage offen, die nach erotischer oder, wenn man so will, pornographischer Literatur giert. Auch wenn es dem katholischen Weltbild widersprechen mag.
Die Position der Bischöfe wiederum ist genau so legitim, und sie kann ohne religiöse Hintergründe von jedem Händler genau so ins Feld geführt werden: Die Zukunft liegt nicht in der Beliebigkeit, sondern in der Kraft der Nische. Wir sehen das bei höchst erfolgreichen Händlern, die eben nicht "Marktplatz" sind, auch nicht Category Killer, sondern auf Exklusivität, Produktqualität und Meinungsführerschaft qua Kompetenz setzen.
Genau das ist die Vision der Bischofskonferenz: Weltanschauung statt Webanschauung. Vereinfachung statt Komplexität. Weniger ist mehr.
Weltbild würde dieser Weg in kürzester Zeit wieder zum katholischen Erbauungs-Buchhändler der 80er Jahre machen. Genau deshalb ist der Verkauf längst überfällig - und mit den Erlösen können die Diözesen den Borromäusverein ausbauen. Unter borromedien.de existiert genau so ein Onlineshop, wie ihn sich manche Bischöfe für Weltbild ausmalen. Mit einem messerscharfen Profil, kompetenter Auswahl seines reduzierten Angebots, einer aktiven Community, keinem ernsthaften Wettbewerb und damit einer unbestreitbaren Daseinsberechtigung.
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