Am Freitag brachte ein Kurier die Dokumentation des Deutschen Dialogmarketing-Preises 2010 im Briefkasten. Martialisch tritt der dicke Band mit der Aufschrift "Sieg-Ruhm-Ehre" und "Alea iacta est" in Blindprägung auf. Das Direktmarketing will nicht mehr "below the line" sein.
Früher galt es als unfein, Direktmarketing zu treiben. ("Sagen Sie meiner Mutter nicht, dass ich Direktmarketing mache - Sie glaubt, ich bin Pianist in einem Bordell.") Der Art Directors Club fing mit dem Sujet nichts an, die Response-Werber saßen am Katzentisch, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
Der Werber, wohlgemerkt, nicht der Kunden. Die bezeugten auf Heller und Pfennig, welche kreative Leistung ihr Geld wert war. "Did it sell?" war die einzig wirklich entscheidende Frage. Davon ist im Jahr 2010 nicht mehr viel geblieben. Offensichtlich ist es so schwer, einen Verkauf zu erzielen, dass die Preise heute für Werbung vergeben werden, die nur noch Türöffner sein soll. "Aufmerksamkeit schaffen" lautet die "Herausforderung" vieler prämierter Kampagnen. In einer mit Reizen und Informationen überfütterten Gesellschaft noch die erste Regel des Copywriting-Lehrers Herschel Gordon Lewis erfüllen: "Stop the reader in his tracks!"
Fast wohltuend präsentiert sich dagegen der Sieger in der Kategorie "Finanzdienstleistungen": RMG Connect hat für American Express ein Werbemailing für die Corporate Platinum Card entwickelt. Die Bestandteile: Ein Anschreiben, eine Antwortfax, eine ausgerissene letzte Romanseite von Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt". Das Schlusswort: "Amerika". Die (wahre) Geschichte: Ein Platinum Card-Besitzer stellte in einem Hotel fest, dass die letzte Romanseite fehlte. Er fragte beim Platinum Service nach, ob sie ihm diese schicken oder faxen könnten - was auch passierte. Das Abschreiben endet mit der Aufforderung: Wenn Sie mehr über die Platinum-Services erfahren wollen, schicken Sie uns das Antwortfax.

Die Response: ungestützte 8 %, also vor dem telefonischen Nachfass, aus der Zielgruppe der Besitzer eine Gold Business Card.
Ähnlich schlicht und auf den buchstäblichen Punkt brachte OgilvyOne worldwide die Werbung für Focus-Abonnements. Sie sorgte für einen Spitzenwert an neu generierten Abos, lernen wir aus der Dokumentation.

So gibt es etliche Kampagnen, die noch auf Verkauf zielen und hart messbar sind. Auch im Papier greifen sie Trendthemen auf, wie z.B. die lokale Verortung von Kunde und Angebot. Es zeigt sich allerdings auch, wie weit der Weg im Internet von der Aufmerksamkeit bis zur nächsten Stufe ist.
- VW schaltete für den Golf GTI ein aufwändiges Webspecial. 360.000 Besucher der Kampagne (schon ein Bruchteil der AdImpressions) generierten 1440 Probefahrten (< 0,05 % Conversion bei den primär Interessierten). Die Anzahl der Verkäufe ist nicht bekannt.
- Amnesty International, eine universell akzeptierte Hilfsorganisation, generierte mit einer tollen Web-Aktion (light-the-dark.org) über fünf Monate (September 09-Januar 10) im Schnitt mehr als 11.000 Besucher pro Tag. Am Ende konnte man eine Online-Petition ausfüllen und dies mit einer Online aufgestellten Kerze bezeugen. Inzwischen sind laut AI mehr als 4000 Kerzen aufgestellt. Nochmal: 11.000 Besucher mal vier Monate (ich kappe hier die unvollständigen Zeiträume) macht 1,3 Mio. interessierte Angesprochene. 4000 Kerzen entspricht 0,03 % Wandlung.
- Ford hat für den KA mit der Candygirl-Kampagne eine junge Zielgruppe angesprochen. Die Gesamtreichweite lag bei 232.509.396 Kontakten. Die zugehörigen Webisodes wurden 750.000 Mal abgerufen (0,03 % primäre Conversion). Das MySpace-Profil der Candy Girls hat 25.000 Freunde. Das des Ford Ka knapp 2000.
Aufmerksamkeit ist ein hohes Gut und ein veritables Ziel für Direktmarketing. Aber ob sich eine Kampagne lohnt, sollte weiterhin am tatsächlichen Verkauf gemessen werden. Wieviele Kontakte in der Uni oder in Kneipen hätte es gebraucht, um 4000 Unterschriften unter eine Petition zu erreichen? Ist eine Webkampagne ein Erfolg, bei der 99,5 % der Kunden den nächsten Schritt nicht mehr gehen?