Der Versandhaus-Blog von Stephan Meixner

Mailorder-Kabbala

24.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Wer nach tollen Konzepten für "Involvement" sucht, sollte stets ein Auge auf die diversen Walbusch-Versender werfen. Heute ein exzellentes e-Mailing von Mey&Edlich.

Statt einfach - wie derzeit so viele - auf Ergebnisse zu setzen, wird mit der Betreffzeile "Zahlen lügen nicht!" zunächst Interesse geweckt. Der Teaser spielt mit den berühmten "3 Sternen" und lässt das Ergebnis offen. Sofort zückt man den Stift (oder das Handy mit Taschenrechner) und fängt an, sich mit der Werbung zu beschäftigen.

Was hier allerdings fehlt, ist - das Angebot! Da kann Mey&Edlich wiederum von den Zahlenspielereien bei Lands' End lernen:

Aus den Jahreszahlen hätte man etwas Vergleichbares basteln können.

 

"Berichte über unser Ableben sind durchaus übertrieben"

19.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Über den Otto-Geschäftsbericht ist die übliche reflexartige Diskussion entstanden, in der schon seit Jahren eigentlich alle Argumente getauscht sind. Die Inszenierung einer „Erfolgsgeschichte Internet“ bei Otto erscheint mir genau so fragwürdig wie die Pauschalkritik der anderen Seite. Dabei könnten sicherlich beide Seiten davon profitieren, wenn man mal nicht übereinander reden (oder in Kommentaren herfallen) würde, sondern miteinander. Dann käme mehr dabei raus als Analysen und Ratschläge, die sich nur auf der Makroebene gut anhören.

Jochen Krisch hat nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit in einer langen Auseinandersetzung mit den aggregierten Daten zum Einzelhandel der Otto Group als größtes Problem bezeichnet

Doch die Zukunft ist nicht Ottos Problem, zumindest nicht das dringlichste. Die Vergangenheit ist es, die zur Belastung wird. Und hierfür hat der Otto-Konzern leider auch dieses Jahr wieder keine Lösung geliefert. Man versucht sich weiter, mit einer Restrukturierung nach der anderen über die Runden zu retten. Aber wird das reichen?

Wohl kaum, aber ohne geht es nicht. Die Mitarbeiter im Otto-Konzern, die selbst zuweilen an der mangelnden Beweglichkeit schier verzweifeln, wissen auf der anderen Seite detailliert, dass bei einem Milliarden-Unternehmen die Otto nahegelegten radikalen Schritte nacheinander erfolgen müssen. Ich will das hier an zwei Beispielen zeigen.

Erstes Beispiel: Warum es nicht damit getan ist, einfach keine Kataloge zu verschicken.

Um wirklich das volle Ausmaß der Aufgabe zu verstehen, hilft ein Blick nach Frankreich. Dort hat Otto im vergangenen Geschäftsjahr massiv investiert und dadurch das EBIT im Einzelhandel heftig belastet. (Die Kosten für die Restrukturierung in Frankreich und England machen 80 % dieser Sondereffekte aus. Eine so große Belastung, dass in fast schon Middelhoffscher Manier Hans-Otto Schrader auf das EBITDA als einzig wirklich vergleichbarer Kennzahl für das laufende Geschäft verwies. Immerhin nicht das "bereinigte EBITDA".)

Das alte Kataloggeschäft erschien in Frankreich als „systemische Schwäche“. An der Oberfläche kann man jetzt mit den Achseln zucken und sagen: So what? Das weiß man doch seit Jahren. Aber was genau ist die systemische Schwäche? Werfen wir einen Blick unter die Haube.

Die systemische Schwäche in Frankreich war nicht einfach „der Katalog“. Der ist für viele Kunden dort wie hier nach wie vor ein essentieller Ort, um sich über Produkte zu informieren. Problematisch waren allerdings in Frankreich die über Jahrzehnte eingeschliffenen und den Kunden antrainierten Pricing-Strukturen: Der erste Katalog wird rasch (und zuletzt immer rascher) von mehreren „Demarque“-Mailings verfolgt. Die Franzosen wissen bei 3 Suisses (und La Redoute, Quelle LaSource, CAMIF) stets, dass der erste Preis nicht der beste ist.

Das Internet funktioniert so aber nicht. Der Preis muss im Moment des Angebots im Markt wettbewerbsfähig sein. Das bedeutet eine logistische, dispositorische wie werbliche Kehrtwende. Die hat 3Suisses im letzten Geschäftsjahr personell und strukturell durchgeführt.

Im vollen Galopp die Pferde wechseln - wenn das so einfach wäre. Faktisch wurde in voller Fahrt vom Diesel auf einen Benziner umgestellt. Alles andere als die „Chouchoutherapie“, die das Unternehmen seitdem seinen Kunden angedeihen lässt.

Zweites Beispiel: Warum Einkäufer nicht einfach anders einkaufen können.

Worüber man bei Quelle und Otto gleichermaßen immer wieder Klagen hört(e), ist „der Einkauf“. „Der Einkauf“ ist schuld an fast allem, wenn Print-Marketer sich gegenüber den Online-Kollegen im Hintertreffen fühlen. Aber mal ein Wort dazu, warum der Einkauf im Internet ganz anders arbeiten muss als im Printgeschäft, und warum das so schwierig ist.

Der klassische Versender arbeitete über Jahrzehnte erfolgreich mit einem Kundengruppen-Modell. Erstbesteller, Neukunde, Neukunde 2. Saison, irgendwann dann Keller 1-2. Entsprechend wurden die Werbemittelausstattung gesteuert und die einzelnen Werbemittel von den jeweils Verantwortlichen Sortiment für Sortiment, Kategorie für Kategorie belegt, disponiert, geordert und irgendwann abverkauft. Einkauf, Werbung, Anstoßkette. Der Kunde wurde gezielt geführt, gelockt, umworben. Flächenbewirtschaftung, Streckenbewirtschaftung, Hero-Konzeption, Preiskurven-Modelle. Und so weiter und so fort.

Für das Internet kauft man anders ein. Hans-Otto Schrader spricht in diesem Zusammenhang vom Category Management, das über die verschiedenen Vertriebskanäle ganz unterschiedlich sortimentiert. Das muss man erstmal im Kopf sortiert bekommen - und dann in der IT bis hin zur Disposition und Lageroptimierung abbilden. Professionelle Katalog-orientierte Versandsysteme sind etwas ganz anderes als professionelle Onlineshop-Systeme. Oder professionelle ERP-Systeme im Einzelhandel. Pixel Real Estate und "SQUINCH" (Quadratzentimeter-Analyse im Katalog) haben nur nominell noch etwas miteinander zu tun.

Bei Otto nimmt man jetzt wieder einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand, um die IT ganz neu zu sortieren. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. In den vergangenen fast 10 Jahren hat man schon mal fast genau so viel in ein neues eigenes System gesteckt, das sich angesichts der Herausforderungen offenbar als nicht belastungs- und skalierfähig gezeigt hat. Kein Wunder also, dass man jetzt einen Standard nimmt, der auf die besonderen Herausforderungen angepasst wird.

Es ist genau so wie Jochen Krisch es sagt: Die Vergangenheit ist das Problem von Otto.

Radikale Schnitte passen nicht zur Firmenphilosophie von Otto. Aber ist es unter "Corporate Social Responsibility" Gesichtspunkten fair, den eigenen Mitarbeitern eine heile Welt vorzuspiegeln, wenn spätestens jetzt harte Schnitte gefragt wären? Genau dieses verantwortungsbewusste Verhalten vermisst man auf Schönwetterveranstaltungen wie diese Woche auf der Bilanzpressekonferenz in Hamburg. Und die Mitarbeiter fallen später aus allen Wolken.

Nach den obigen Beispielen wird aber klar, warum Otto mit freundlichen Ratschlägen für „harte Schnitte“ einfach nicht gedient ist. Es liest sich gut, man nickt mit dem Kopf, in Wirklichkeit ist es aber Mikado für Fortgeschrittene.

Otto ist dabei, sich neu zu erfinden - von innen nach außen. Aus purer Not heraus: Faktisch hat Otto wie fast alle klassischen Versandhändler (zu) lange geglaubt, mit einem Vorsprung ins Internet zu starten, und kämpft dabei tatsächlich mit einem gewaltigen, oben beschriebenen Nachteil. Der ist nicht mit „Katalog“ zu fassen, wie immer wieder erzählt wird, sondern in den interdependenten Prozessen. Otto schneidet in England und Frankreich ausgesprochen radikal. Otto baut in der Logistik drastisch um, ebenso in der IT.

Genau genommen ist es derzeit eine Riesenleistung, überhaupt so viel PS auf die Straße zu bringen.

Dennoch muss sich Otto fragen oder vorwerfen lassen, dass die Phantasie für neue Konzepte innerhalb oder am Rande des eigenen Kerngeschäfts mager gewesen ist. Es geht hier gar nicht um irgendwelche aufregenden, neuen, mehr oder weniger gut skalierenden oder für einen Universalisten einfach ungeeigneten 2.0-Konzepte. Sondern um die Basics des Versandhandels. 

Diese Kritik aus Kundensicht  interessiert sich nicht für den Motor, sondern für die „Customer Experience“. Es ist bezeichnend, dass intern bei Otto z.B. die NaLi-Quote aus Einkaufssicht eine ganz andere ist als die aus Kundensicht. Das sind so Absurditäten des "Distanz"handels.

Nochmal: Was hat man von Otto in den letzten Jahren für wirklich beeindruckende neue Ansätze gesehen, die nicht von jemand anderem vorher oder besser gemacht würden? Limango als Innovation zu präsentieren oder eine der einfallslosesten Anwendungen in der jungen iPad-Geschichte unter das Motto „This is magic“ zu stellen - das reicht nicht.

Das flagranteste Beispiel, dass bei Otto die Mechaniker am Turbo basteln, aber die Designer noch im Van fahren, ist die Entscheidung, quelle.de als „Marktplatz“ zu relaunchen. Ökonomisch vielleicht sinnvoll, da ja eine Markenbekanntheit besteht und letztlich der Kunden-Traffic in ein Shopping-Center umgeleitet wird. Wenig Aufwand, man kassiert eigentlich nur die Miete.

Dass quelle.de künftig Shopping24  im Release 3.0 sein wird, ist trotzdem und in diesem Fall besonders eine vergebene Chance. Der Claim „Meine Quelle“ hätte ohne diesen unsinnigen Marktplatz eher für ein echtes Social Commerce-Konzept weiterentwickelt werden sollen. (Ja, ich weiß: In der Schweiz und Österreich ist das eine andere Sache. Aber mal ehrlich: eigentlich war Otto ja an Quelle in diesen Märkten mal gar nicht so interessiert.)

Es muss ja nun wirklich kein gewaltiger Kaufpreis refinanziert werden. Warum orientiert sich Otto nicht am existenten Q-Store-Ansatz? Otto wie Quelle haben Intershop eingesetzt, und ePages würde sicher gerne helfen. Dann würde „Meine Quelle“ ein Portal für inspirierende Blogs, MeShops, Content etc., bestückt aus dem Otto-Sortiment - aber in gänzlich neuer Form. Bei Otto grassiert die Absender-orientierte Denke in einer Zeit, in der eigentlich die Empfänger-orientierte Konzeption den größten Hebel verspricht.

Um diese Idee weiterzuspinnen, empfehle ich hier dem Otto-Vorstand die Lektüre eines Blog-Eintrags aus Mitarbeiter-Reihen. Alexander Graf hat über das Thema einen wunderbaren Artikel geschrieben. Dass so viel Sachverstand an vielen Stellen im Otto-Konzern angesiedelt ist, könnte das Defizit in der CX ausgleichen, während an anderer Stelle unter der Haube geschraubt wird.

Ich habe in der aktuellen Ausgabe des „Versandhausberaters“ Otto mit Mark Twain verglichen. Wie der Schriftsteller kann der Versender derzeit (wie jedes Jahr in der Bilanz-Pressekonferenz) beruhigen: „Berichte über unser Ableben sind durchaus übertrieben.“ Nichts weniger. Aber leider auch noch nicht mehr.

N Brown übernimmt Figleaves

15.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Nicht ganz überraschend, aber passend: N Brown baut sein E-Commerce-Geschäft mit der Übernahme von Figleaves in seiner am schnellsten wachsenden Zielgruppe aus. In den vergangenen Jahren zählten die jüngeren Titel und das Wäsche-Sortiment zu den Wachstumstreibern bei N Brown. Simply Be, mit mehr als 2 Mio. Euro Umsatz in Deutschland aktiv, war so ein Motor.

Figleaves wurde von Julia Reynolds, einer ehemaligen Tesco-Einkaufsleiterin, in den vergangenen Jahren auf Rentabilität getrimmt: Komplexität raus, Frequenz rein, Dubletten bei Farben/Marken unter Profit- und Umsatzkriterien bereinigt, Eigenmarken entwickelt. Dadurch näherte sich Figleaves erstmals der Gewinnschwelle.

N Brown war dieser gute Kurs jetzt 11,5 Mio. Pfund wert. Der Umsatz soll in diesem Jahr 23 Mio. Pfund erreichen (30. Juni). Und zusätzlich zum Umsatz bringt Figleaves noch ordentliche Benutzer-Zahlen mit: 1,2 Mio. Besucher zählt die Seite für ihre 100+ Lingerie-Marken. Dennoch monierten Kenner, dass figleaves.com vielleicht unter Wert verkauft worden sei - vielleicht, weil die bisherigen Investoren endlich Geld sehen wollten ("fire-sale").

Das bestehende Management bleibt wohl noch in der Firma. Wie es mit den jüngeren Aktivitäten, etwa dem breiteren Modesortiment weitergeht, das auch mit einem Print-Katalog beworben wurde, wird sich zeigen.

 

Abgezählt: Wie man Wein mal ganz anders verkauft

11.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Weinversand ist ja ein geliebtes Kind der Branche. Erstaunlich, was sich dort in den letzten Jahren entwickelt hat. Viele klassische Ansätze, aber auch Konzepte wie tvino oder Liveshopping. In Holland bin ich auf ganz etwas anderes gestoßen.

94wines.com verzichtet auf die Winzer. Oder auf die Lagen. Oder auf die Rebsorten. Stattdessen gibt es - Zahlen und Farben. Eine persönliche Wine-ID. Und einen QR-Code.

Klassisches Browsen oder Stöbern ist bei 94wines.com nicht möglich. Am Anfang des Shopping-Vergnügens steht die Wine-ID. Mit einigen Fragen nordet 94wines den Geschmackstyp ein.

You can determine your WineID in just 20 seconds, by filling in the WineID-test. Because of the recognizable colours and numbers of the different wines it is easy to remember, so from now on you will know what wine to drink! After six short questions you will discover which numbers from the assortment will suit you most.

Daraus entwickeln sich Basis-Vorschläge aus den 94 verschiedenen Sorten. Man kann allerdings weitere ausprobieren und der eigenen Wine-ID zufügen. Der Gedanke dahinter: Es ist leichter, sich die fünf bis zehn Ziffern zu merken, die wirklich geschmeckt haben, als die Namen der Weine.

Die Weine werden in unterschiedlich farbigen Flaschen geliefert. Informationen gibt es hinter einem QR-Code auf der Rückseite der Flasche. Diese Infos sind aber nicht vorgegeben - jeder kann persönliche Botschaften (Texte, Fotos, Videos) bei 94wines hochladen. Das Unternehmen vergibt QR-Codes, und mit jedem entsprechenden Reader und einer mobilen Internetverbindung kann man diese abrufen.

Eine Revolution im Weinversand? Vielleicht nicht. Aber ein erfrischend anderer Ansatz. Die Zielgruppe ist jedenfalls klar differenziert. Das Einloggen ist über OpenID oder facebook möglich. 94wines war der erste Anbieter, bei dem ich wirklich Lust hatte, das auszuprobieren. Und es funktioniert einwandfrei.

Hinter 94wines.com steht die holländische Baarsma Wine Group Holding. Wer sie nicht kennt: In Deutschland ist Baarsma mit Cellarmaster bzw. der Weingalerie aktiv. Das lässt mich hoffen, dass 94wines.com irgendwann auch in Deutschland aktiv wird. Derzeit wird nämlich nur im Oranje-Land geliefert. :-(

 

Wie man kein Angebot macht...

10.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Ich versuche auch der Groupomania zu erliegen. Allerdings ist bislang für Bonn wenig dabei, was mich reizt - aber das ist ja "in the eye of the beholder". Schwerer wiegt, dass ich manche Deals einfach nicht verstehe.

Heute zum Beispiel gibt es einen Gutschein von Madame YamYam. Das ist ein witziges Bistro und wäre durchaus mal etwas für einen mittäglichen Besuch.

Dem Header der e-Mail entnehme ich, dass es wohl 50 % auf jeglichen Artikel sind - oder auf die gesamte Bestellung?

So sieht das Angebot aus:

Was ist das Angebot? Ich zahle 3 Euro statt 6 Euro, der Gutschein kostet mich aber 3 Euro? Where's the Deal? Bekomme ich einen 6 Euro-Gutschein, oder einen 50 % Gutschein, den ich für 3 Euro statt 6 Euro kaufe?

Der Angebotstext selbst erwähnt die 50 % nicht mehr, sondern stellt auf einen absoluten Betrag ab. Es gibt übrigens klare Erkenntnisse aus den Gutscheinen des Versandhandels, ob und wann man besser Prozent-Gutscheine oder Beträge auslobt. Sollte man sich bei Groupon Deutschland mal aus dem Otto-Archiv holen. Vermutlich wird dort stehen, dass ein absoluter Betrag besser zieht als ein Prozent-Wert. Aber bitte: Das gilt in der Regel für Beträge, die nicht so klein sind wie hier im Angebot.

Das eigentliche Problem mit diesem Angebot ist nämlich ein ganz anderes: Wie soll ich denn den "Wert" des Gutscheins einschätzen, wenn ich keine Vergleichspreise habe? Egal ob 50 % oder 3 Euro: Dieses Angebot ist letztlich unsinnig, weil keine Erwartungshaltung an den Durchschnittsbon besteht. Hier hätte man bei den Highlights deutlich mehr "vorkonditionieren" können. (OK, wieder so eine alte Versandhandels-Terminologie.)

Groupon/CityDeal ist eine interessante Plattform, aber hier fehlt es entweder an der Beratung für diejenigen, die die Gutscheine ausloben. Oder die Marketer von Groupon selbst haben diesen Deal nicht verstanden. Oder sie haben schlicht keine Ahnung von Gutschein-Mechanismen - das wäre das schlimmste, denn dann kommt am Ende nur ein Preisverhau ohne weiteren Mehrwert für die Handelspartner heraus.

P.S. Falls man mir als Versandhandels-Opa nicht glaubt, empfehle ich hier zur Lektüre einen kleinen Beitrag von Matthias Henrici bei Konversionskraft. Und noch ein Beitrag vom Marketingguy, in dem aus einer MarketingSherpa-Studie zitiert wird.

Deja-vu in Russland: Sapato.ru kopiert Zalando kopiert Zappos

09.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Mein Freund Pascal Clement war schon immer gut darin, starke Konzepte aus Westeuropa nach Russland zu holen. Irgendwann stolperte ich bei ihm über eine "Moderne Hausfrau"-Ausgabe, von der Walz noch gar nichts wusste... Jetzt ereilt es Zappos/Zalando/Mirapodo und ChateauOnline.

Dabei gibt die Direct Group sich ganz offen. Man wolle beweisen, dass sich diese starken Konzepte auch in Russland durchsetzen ließen. Copycats sind bekanntlich die höchste Form der Anerkennung, und da weder Rocket noch Amazon derzeit aktiv den russischen Markt beackern, sei Pascal der Versuch gegönnt. Mit Fast Lane Ventures hat er darüber hinaus einen Inkubator entwickelt, der Online-Unternehmer mit Seed-Capital und logistischer Unterstützung unter die Arme greifen soll.

Sapato.ru ist seit wenigen Tagen im Netz zu erreichen. Ich habe kürzlich ja mal sehr detailliert über die von Zalando bei mirapodo abgeschaute Startseiten-Optik geschrieben. Und hier nun das russische Pendant:

Hier die grauen Icons, die sich wie bei den deutschen Vorbildern im Kasten rechts nochmal finden:

Der Anspruch ist nicht ohne - mal sehen, wie Otto mit dem Ausbau der eigenen Schuh-Geschäfte dagegen halten wird.

The clear aim of Sapato.Ru is to become the number one online shop for selling shoes & accessories in Russia. Similar concepts in Europe and the United States already prooved their incontestable success, despite all skepticism, that shoes are difficult to sell online.

Deutlicher vorm französichen Vorbild löst sich ChateauOnline, bzw. ChateauOnlineClub. Ersteres ist der reguläre Shop, der sich ausschließlich auf französische Weine spezialisiert. Der Club richtet sich dagegen an Connaisseure und solche, die im Rahmen von exklusiven Events und Verkostungen mehr über Wein erfahren wollen. Das Club-Konzept ist noch nicht gestartet, man kann also gespannt sein.

Der Start von ChateauOnline.ru kommt nicht von ungefähr: Im vergangenen Jahr hatte die Direct Group eine Kooperation mit dem französischen Wein-Produzenten Castel geschlossen, der schon seit 2005 in Russland im Einzel- und Großhandel aktiv ist. Der Direktversand unter dem bei uns bekannten Namen ist ein logischer nächster Schritt.

Fast Lane Ventures schließlich ist ein im März gestartetes Joint-Venture von Pascal Clément und Oskar Hartmann. Letzterer wiederum steht wesentlich hinter KupiVIP, dem russischen Shopping-Club, bei dem auch einige b4f-Investoren engagiert sind. So unterstützt Fast Lane:

  •  Strategy: Business vision, market analysis, business plan
  • Technology: IT development/testing / prototyping;
  • HR: teams recruitment, trainings for teams, motivation programs;
  • Finance: Seed financing, co-investors attraction;
  • Marketing: Customers acquisition and activation strategy, access to partners data base (WomanJournal, Passion.ru, KupiVIP);
  • Operations: Action plan, full legal support from the start, operational business cycle and each stage related KPIs, internal control standards & procedures, security and risks issues;
  • Infrastructure: Back-office and office space, content production studio, fulfillment, payment and call-center partners ;
  • Partnership: Frame contracts with all important partners; business networks.

Sapato.ru ist das erste Projekt von Fast Lane Ventures, als nächstes folgt "beaucoup.ru" - eine im Gesundheits- und Wellness-Sektor angesiedelte Online-Aktivität. Bis zum Jahresende sollen insgesamt 7-10 Projekte live gehen.

Nicht erwähnt ist im Fast Lane-Portfolio Kolizeo.ru. Dabei ist dies ein gleichfalls höchst spannendes Geschäft: Es geht um Astrologie und Zukunftsvoraussage. Die erfolgt telefonisch, dazu kann man Bücher und weitere Produkte kaufen und außerdem Content downloaden. Fehlt eigentlich nur noch ein TV-Sender. Kolizeo.ru ist ein eigenes Projekt der Direct Group.

Inzwischen scheint es so drei wesentliche Player im russischen Versandhandel zu geben: Für das klassische Versandgeschäft einmal Otto inkl. seinen Töchtern und neuerdings Quelle Russland. Auch Klingel ist mit seinen Aktivitäten angeblich sehr zufrieden, die PPR-Group gleichfalls aktiv. Deutlich größer und damit neben Otto klar an der Spitze aber ist sicherlich Mir Knigi - dieser Medienversender hat inzwischen verschiedene westliche Versender für Tests auf seiner "Plattform" bzw. in seinen Kundensegmenten via Katalog gewonnen.

Im Internet aber ist die Direct Group einer der großen Motoren. Angesichts des zu erwartenden Wachstums gerade in diesem Sektor (Verdoppelung der Breitband-Anschlüsse in den kommenden 3-4 Jahre) eine gute Ausgangsposition. Jetzt muss nur noch die Zustellung funktionieren...

Reinventing Crayola - für Teenager

08.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Crayola ist eine starke Marke. Und zwar (IMHO) deshalb, weil sie für Kreativität steht und enorm sensorisch funktioniert. Es gibt sogar den typischen Crayola-Geruch. Aber nach der Grundschule war es damit vorbei. Bis jetzt.

Crayola startet in Target-Stores in den USA jetzt die neue Marke "Livcrayola". Dabei dreht sich alles um das Gestalten von typischen Schul-Accessoirs. Das ist ja ohnehin ein Dauerbrenner. Nur hat Crayola eine ganze "Experience" mit Community darum gestrickt. Facebook ist ein Startpunkt dafür.

Die Wahrnehmung der Mädchen, an die sich Livcrayola in erster Linie wendet, war nämlich nicht etwa Mißachtung der Marke. Stattdessen hatten sie den Eindruck, Crayola habe sie vergessen. Entsprechend dockt Crayola jetzt bei dem Wunsch an, "special" zu sein. Z.B. mit einem persönlichen Livcrayola-Nickname. Und mit einer Galerie von Designs, die Livcrayola-Mitglieder selbst erstellen.

Außerdem wurden Game-Elemente eingebaut. "Gameification" ist ja auch so ein Buzz-Wort, aber hier hat es tatsächlich Sinn. Die Nutzerinnen erhalten "rewards" abgestuft nach den Beiträgen, die sie leisten. Als "Ambassador" mehr, für einen simplen Blog-Post weniger.

Für Crayola wäre es ein leichtes, das Online-Konzept zu einem direkten Verkaufskanal auszubauen. Genau hier greift die Seite aber zu kurz. Die Kundinnen werden zu Target geschickt. Und nur dahin. Schade.

 

Hey Steve, kann dein iPhone 4 DAS?

08.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Netter Post von Nick Lansley (tesco.com) über "Remote Access from Remote Countryside" mit Hilfe des Nexus One:

It just so happened that the day following the launch of the update, our R&D server (that supports requests from Tesco Finder applications) rebooted inconsistently from a Windows Update event. At the time the hubby and I were out biking in the middle of a trail through the woodland across the Tamar river from Gunnislake where mobile signals don't go. It was only when we climbed up next to the ruined chimney of an abandoned tin mine above the forest that my phone started alerting me that something was wrong.

Fortunately on that day the phone I had taken was my Google Nexus One which I have grown to love over the last few weeks despite its occasional glitchiness. It just so happens that some time ago I had downloaded a free app called "Remote RDP Lite" which acts as a simple Windows remote desktop client. Despite the GPRS-only data signal, I was able to reach the server / login / check a couple of logs / reboot it whilst I sat on the hillside. After 5 minutes I used the Nexus One's web browser to check the admin web page for Tesco Finder and discovered that once again requests were coming in thick and fast - and being processed successfully.

OK, braucht man nicht immer :-). Aber ist doch schön, was offene Plattformen für Problemlöser sind.

 

Gesucht: Berggruens "nachhaltiges" Konzept

08.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Der Freudentaumel der ver.di-Funktionäre muss einen Grund haben - oder hat Nicolas Berggruen einfach nur am wenigsten gedroht? Angeblich soll er ein nachhaltiges, unternehmerisches Konzept vorgelegt haben. Ich habe lange nach Spuren gesucht, aber bisher nichts gefunden.

Die Aussagen von Berggruen vor dem Kauf waren bestenfalls blumig, in einigen Passagen aber ziemlich dürftig. In einem langen Interview mit dem Manager Magazin findet sich die folgende Passage:

Sehen Sie, der Grund, wieso Karstadt am Abgrund steht, ist nicht das Kaufhausgeschäft des Unternehmens an sich. Sondern die sehr ungünstigen Mieten, die Karstadt für seine Filialen zahlen musste. Wenn wir da ansetzen, besteht für Karstadt eine gute Chance. Deshalb wollen wir Karstadt komplett.

Das Warenhaus an sich ist kein Problem? War Quelles dicker Katalog ja auch nicht, oder? Gerade der Universalversand zeigt ja, dass sogar bei günstigeren Porti und niedrigen Papierpreisen strukturelle Probleme bestehen, die über solche Rahmendaten hinausgehen. Das Konzept der Flächenbewirtschaftung - übrigens identische Terminologie in Warenhaus und Katalog - bei Warenhaus-artigen Angeboten scheint mir doch heutzutage "systemische Schwächen" zu haben.

Die Aussage zu den Mieten an sich heißt lediglich, dass die Flächen nicht mehr produktiv genug sind, um die nötigen Quadratmeter-Umsätze und -Deckungsbeiträge einzubringen. Eine Anpassung nach unten kann also durchaus Luft verschaffen, wenn auch nur zeitweilig. Allerdings liegt das Mietniveau ja nicht zuletzt an den atemberaubenden Transaktionen von Thomas "Big T" Middelhoff. Highstreet zeigt sich nicht wirklich gesprächsbereit.

Gesetzt den Fall, Berggruen gelingt es, die Mieten dauerhaft und substantiell zu senken. Was wäre die Perspektive im Handel? Wieder Berggruen:

Wir wollen das Einkaufserlebnis bei Karstadt glamouröser gestalten, und dazu müssen wir Geld in das Unternehmen investieren. Und zwar über den Kaufpreis weit hinaus.

Und:

Wir wollen Karstadt verjüngen.

Das klingt nun doch wieder nach den Rezepten, die Middelhoff und Adlatus Wolf Karstadt verordnet hatten. Nicht wirklich erfolgreich, aber vielleicht hat sich die Umstellung zu lange hin gezogen und zu viele Resourcen gefordert. 

Immerhin hat Berggruen mit BCBG Max Azria einen integrierten Markenvertreiber als Berater hinzugezogen. Die BCBG-Marken (Hervé Leger, Max Azria, BCBGMAXAZRIA Runway und BCBGeneration liegen allerdings deutlich über dem typischen Karstadt-"Ticket". Es ist eine ganz andere Zielgruppe, mit der sich BCBG auskennt.

Andererseits entspricht die Ausrichtung von BCBG Max Azria dem, was auch Handelsberater dem Warenhaus weisen: Weg von dem verlorenen Schlachtfeld der Unterhaltungselektronik, weg von Büchern, weg von Haushaltswaren, weg von Kurzwaren. Ausrichtung auf Mode/Markentextilien und Accessoires wie Lederwaren, Schuhe, auch Düfte und Schmuck.

Eine Online-Strategie kann man bei BCBG Max Azria nicht feststellen. Es wird zwar auch im Web verkauft, allerdings kommt dabei nicht mehr als ein Pflicht-Konzept heraus. Sauber, ordentlich. Langweilig (der Style-Creator ist zwar da, aber kaum auffindbar). Immerhin knapp 65.000 Nutzern gefällt, was BCBG Max Azria auf facebook treibt. Dort kommt zurecht die jüngere Runway-Kollektion ins Rampenlicht.

Der distanzierte Ansatz von BCBG wird vor radikalen Veränderungen bei Karstadt wohl zurückschrecken. Ob am Ende nicht doch wieder die Konzentration auf Glamour-Filialen im Rahmen der viel beschworenen Deutschen Warenhaus AG steht, ist zumindest nicht ausgeschlossen.

Das "nachhaltige unternehmerische Konzept" ist für mich bisher also nicht sichtbar. Die Arbeit liegt noch vor Berggruen: Wem wird er die operative Führung anvertrauen?

Rethinking Retail

07.06.10 von Martin Groß-Albenhausen

Mein Blogpost zum Multichannel hat eine interessante Fortsetzung bei XING gefunden. Danke besonders an Sieglinde Graf von da sempre und Josef Karl Udo Reisz vom Radhaus für die Praxis-Berichte. Und natürlich an Andreas Karafotias, den ich mit dem IKEA-Kommentar etwas gekitzelt habe... Doch wie steht es mit neuen Retail-orientierten Konzepten?

In Amerika gibt es ein paar Beispiele von Händlern, die mit zwei Geschwindigkeiten gezielt arbeiten. Zum Beispiel hat GAP in Los Angeles und New York sogenannte "rotating pop-up stores" entwickelt. Der New Yorker Store liegt direkt neben dem Flagship-Store an der Fifth Avenue, wird jedoch mit kurz laufenden Kollektionen bestückt, die zuweilen nicht mal von GAP selbst kommen. Das können z.B. Flip-Flops von Havaianas sein oder auch mal Designer-Ballkleider, die später versteigert werden:

Nike hat in London seinen 1948-Laden nicht wie üblich mit fixem Mobiliar ausgestaltet, sondern bewusst flexible Elemten geschaffen. So kann buchstäblich in wenigen Stunden eine vollständig neue Erlebniswelt entstehen. (1948 ist übrigens auch der Name des zugehörigen gedruckten Sport-Magazins von Nike.)

Wirklich beeindruckend ist, ebenfalls in London, Sarahs Supermarkt. Der Supermarkt besteht eigentlich nur aus einem Schaufenster (und, klar, dahinter einem kleinen Laden). Hier kann man aber wirklich von einem Multichannel-Konzept sprechen. Das Schaufenster ist ein Rahmen, der im Web "gekauft" werden kann. Dabei kommt einzigartige Schaufenstergestaltung aus der physischen Retail-Welt in direkten Kontakt mit der virtuellen Shop-Bühne.

Die Macherin ist mit diesem Ansatz berühmt geworden und gestaltet inzwischen ähnliche "Walls" auch für dritte Händler. Dort allerdings nicht mit Online-Anbindung. Der Shop lässt sich übrigens nicht sortiert durchsuchen, sondern nur nach "Walls".

Etwas abseitiger, aber eigentlich genial für Communities sind z.B. Cocktail-Verkaufsparties. (OK, Tupper-Parties kennen wir. Aber die werden ja genauso angesehen wie Kataloge, nämlich "out-of-date"...) Die spanische Gin-Marke Tanqueray hat eine Microsite gebaut, auf der man sich für "Private Cocktails" bewerben kann. Nichts anderes macht Beate Uhse inzwischen ja mit den Dessous-Parties.

Allerdings kann man noch weiter gehen. Wenn man eine Fan-Gemeinde hat, kann man "Location Based Services" ganz ernst nehmen und lokale Events aus einem Truck heraus inszenieren. Hier mal ein Beispiel des "Bustaurants" Worldfare:

All das zeigt: Es geht auch ohne Internet. Man kann Retail für sich immer wieder neu erfinden. Und wenn es für Retail geht, warum dann nicht für jeden - JEDEN - anderen Kanal?

Man sieht aber auch, dass nicht jedes Konzept sich einfach oder elegant wie Supermarketsarah.com ins Internet übertragen lässt. Deshalb ist Multichannel eben mehr, als seinem Kunden überall zu begegnen. Es muss ein echtes Konzept dahinter stehen. Aber wer meint, der eine oder andere Kanal sei "dead as a dodo", bestimmt damit erst mal lediglich die Grenzen seiner Phantasie.

News 81 bis 90 von 520

Tweets

30.01.2012 12:01

Jetzt im Blog: "Tablet-Commerce: Wieso die neue Arqueonautas-App so begeistern kann" http://t.co/lWuAw89E

30.01.2012 12:01

Katalogmarketing: #Neckermann verschiebt Neustart http://t.co/LLfxAbjg

30.01.2012 11:59

Diese Woche im @VH_Berater : "Facebook erlaubt neue Social-Commerce-Strategien" #Open #Graph Danke an @snipclip http://t.co/010OtMfp

23.01.2012 13:45

@Schlagbass Du sagst es... Media Markt verfolgt quasi eine E-Commerce-Verhinderungsstrategie.

23.01.2012 12:12

Der Online-Shop von Media-Markt im Usability-Test http://t.co/SFtAXk7k

Versandhausberater E-Letter

Veranstaltungen

Der „Versandhausberater“ bietet regelmäßig exklusive Praxis-Seminare rund um die Themen Kataloggestaltung, Onlineshop-Optimierung, Versandhandelsrecht und Social Media an.

Für Informationen zu den nächsten aktuellen Terminen und der Möglichkeit, unsere Referenten für eine Inhouse-Schulung zu buchen, wenden Sie sich bitte an Sarah Mertens, sam(at)fid-verlag.de.