Nachrichten aus dem Versandhandel
Renata DePauli (Bild: Herrenausstatter.de)
Bild: Herrenausstatter.de
Renata DePauli
(Bild:Herrenausstatter.de)

Corona und die Folgen - Interview mit Renata DePauli

07.05.2020 - Im Gespräch mit der Redaktion berichtet uns Renata DePauli, Gründerin von Herrenausstatter.de und Vorstandsvorsitzende der DePauli AG, an welchen Fronten und mit welcher Überlebensstrategie sie während der Coronakrise zu kämpfen hat.

von Christina Rose

Frau DePauli, wie geht es Ihnen gerade?
Obwohl wir ein Internetunternehmen sind, sind auch wir von der Krise betroffen. Die Konsumlaune für ein nicht notwendiges Gut wie Mode ist stark zurückgegangen. Ich bin davon überzeugt, dass wir das wirtschaftlich schaffen können, aber es bleibt eine große Herausforderung. Täglich gibt es Änderungen, die die Richtung, für die man sich entschieden hat, wieder in Frage stellen. Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass wir uns als international tätiges Unternehmen nicht nur mit den nationalen Regierungsentscheidungen auseinandersetzen müssen, sondern auch mit den internationalen. Durch die komplette Schließung von Unternehmen in Italien konnten wir von einigen Lieferanten beispielsweise nicht mehr beliefert werden. Sogar innerhalb Deutschlands sehen wir uns mit unterschiedlichsten Kundenverhalten konfrontiert - in Abhängigkeit des jeweiligen Bundeslandes. So ist mit dieser Woche in einigen Bundesländern bereits eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen erfolgt, in anderen noch nicht.

Was sind die Hauptschwierigkeiten, mit denen Sie kämpfen?
Es war eine große Herausforderung, den Betrieb so umzustellen, dass Prozesse trotz möglicher Infektionen bei Mitarbeitern weiterhin wie gewohnt ablaufen können. Das Risiko einer Ansteckung im Unternehmen sollte weitestgehend minimiert werden. Hierfür haben wir bereits vor einigen Wochen ein Schichtarbeitssystem für die jeweiligen Abteilungen eingeführt, die weiterhin unmittelbar vor Ort gebraucht werden. Dazu gehört beispielsweise die gesamte Logistik. Unsere Mitarbeiter arbeiten nun im Zwei-Schicht-Betrieb. Dadurch ist es uns möglich, auf die zweite Schichtgruppe zurückzugreifen, sollte bei der ersten eine Infektion auftreten. Zwischen den Schichten wird das Gebäude vollständig desinfiziert. Alle Kontaktflächen (Aufzüge, Türen, Tastaturen etc.) werden gereinigt, bevor die nächste Schicht beginnt. Damit haben sich auch die Arbeitszeiten der Mitarbeiter verändert. Wir starten nun bereits um 5.30 Uhr und arbeiten bis 20.30 Uhr. Darüber hinaus haben wir ein Drittel unserer 200 Mitarbeiter ins Homeoffice verlegt.

Wie sieht es auf Lieferantenseite aus?
Die Krise ist mittlerweile auch bei vielen Lieferanten angekommen. Stornierungen und Valuta, die anfangs noch möglich waren, stellen keine Optionen mehr dar. Durch krisenbedingte Schließungen von Händlern haben die Lieferanten bereits große Umsatzeinbußen. Zudem können sie von ihren Vorlieferanten nicht mehr beliefert werden oder sind in einem Land wie beispielsweise Italien ansässig, in dem jeglicher Betrieb eingestellt wurde.

Sind staatliche Hilfen bei Ihnen angekommen?
Tatsächlich ist der Prozess, einen Kredit zu erhalten, sehr komplex. Die Bereitstellung der Mittel vonseiten der Regierung ist die eine Sache. Viel problematischer ist jedoch, dass die Beantragungsprozesse bisher nicht an die aktuellen Bedingungen angepasst wurden. Diese laufen nach wie vor über die Hausbank. Die Antragstellung ist so kompliziert, dass die von der Regierung bereitgestellten Mittel nicht wirklich durchgereicht werden können. Viele Händler können die Kreditbedingungen nicht mehr erfüllen. Sie sehen sich zudem aktuell nicht in der Lage diese Kredite jemals wieder zurückzuzahlen. Grund hierfür sind die derzeitigen Umsatzeinfälle, die sie nie wieder reinholen werden.

Und auf Kundenseite?
Wenn Kunden stark verunsichert sind und nicht wissen, wie es wirtschaftlich weitergehen wird, hält sich die Kauflust eher in Grenzen. Wer leistet sich schon einen neuen Pullover, neue Schuhe oder eine neue Jacke, wenn er wegen Ausgangsbeschränkungen gerade nicht raus darf? Da ist es an uns, den Kunden zu motivieren und zu inspirieren, auch in schwierigen Zeiten Mode zu kaufen.

Wie schaffen Sie es denn, den Kunden bei Kauflaune zu halten? Haben Sie Ihre Marketingstrategie geändert?
Wir haben im Wesentlichen nicht viel geändert, sondern unseren Weg beibehalten, indem wir sehr offen mit unseren Kunden kommunizieren. In einer aktuellen Studie aus dem März haben dies zur Corona-Krise nur 23 Prozent der Händler getan. Wir versuchen weiterhin unsere Modekompetenz zu zeigen und gleichzeitig den Kunden in der aktuellen Situation abzuholen. Dazu haben wir auf der Startseite unserer Onlineshops ein persönliches Wort eingefügt, welche Maßnahmen wir intern ergriffen haben. Kunden haben nun eine bis Ende Mai verlängerte Rückgabefrist, die wir je nach Lage gegebenenfalls auch noch einmal anpassen werden. Unser Content-Team befüllt zudem regelmäßig unseren neuen Good-News-Ticker mit kleinen Geschichten, die Mut machen und gar nicht unbedingt mit Mode zu tun haben müssen.

Eine Modeseite ist aktuell nicht erste Anlaufstelle, wenn ich mich gerade online bewege. Wie bringen Sie Leute auf Ihre Seite?
Wir bespielen nach wie vor unsere etablierten Marketingkanäle und haben das große Glück, viele Stammkunden zu haben, die nach wie vor kaufen. Das ist dann vielleicht nicht unbedingt ein neuer Anzug, aber immerhin eine neue Jogginghose. Tatsächlich ist diese Produkt-Kategorie gerade der Gewinner.

Haben sich die Kundenbedürfnisse geändert?
Wir haben einen sehr engagierten telefonischen Kundenservice. Hier haben wir die Rückmeldung erhalten, dass sich die Themen bei unseren Kunden nicht großartig verändert haben. Es geht nach wie vor um Bestellannahmen und Rückfragen zur Bestellung. Gleiches merken wir in der EMail-Kommunikation.

Wie hoch ist der Anteil des "normalen Tagesgeschäfts" derzeit bei Ihnen?
Das hängt vom Geschäftsbereich ab. In der Logistik läuft der Geschäftsbetrieb zu 100 Prozent wie gewohnt, ebenso wie im Kundenservice. Im Online-Marketing ist man sowieso bestrebt, sich stetig an die sich verändernden Marktgegebenheiten anzupassen. Heute heißt die Herausforderung Corona, davor war es die Vorweihnachtszeit oder der verfrühte Herbsteinbruch mit Starkregen und Unwetterwarnungen. Bei Mitarbeitern im Einkauf hat sich das Tagesgeschäft am stärksten verändert: Sie müssen täglich abklären, ob die Ware weiterhin verfügbar ist und ob die Lieferanten überhaupt noch ausliefern dürfen. Corona nimmt hier 60 Prozent der Arbeit ein. Bei mir persönlich sind es 90 bis 95 Prozent. Ich versuche bereits gedanklich verschiedene Szenarien in der Zukunft durchzuspielen. Das betrifft auch schon das Geschäft in der zweiten Jahreshälfte.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte für sinnvolle Allianzen mit Lieferanten und anderen Geschäftspartnern?
Die größte Herausforderung wird der Warenüberschuss sein. Dieses Problem bestand in der Modebranche auch schon vor Corona, wurde durch die Krise nun aber noch verstärkt. Den Umsatz, den Händler in einem normalerweise umsatzstarken Monat wie den Monat März machen konnten, holen sie nicht mehr auf. Hinzu kommt: Der Handel hat seine gesamte Order für Herbst/Winter bereits im Januar abgegeben, als das Thema Corona in Europa noch gar nicht präsent war. Nachträgliche Stornos sind nun nur noch zu einem sehr geringen Anteil möglich. Sinnvolle Allianzen mit Lieferanten und Geschäftspartnern sehe ich in diesem Sinne nicht. Viel wichtiger ist dagegen eine sehr offene und partnerschaftliche Kommunikation. Aber natürlich muss man für die Zukunft alle Geschäftsmodelle neu durchdenken, um etwaige Probleme dieser Art durch jede Art von Allianz besser bewerkstelligen zu können.

Wie wird es mit der von Corona besonders schwer getroffenen Modebranche weitergehen?
Damit alle überleben können, bedarf es enger Abstimmungen und ein Stück weit staatlicher Hilfen. Überlebenswichtig für die Branche ist auch, dass wir uns jetzt keine Rabattschlachten liefern. Das müssen wir unbedingt vermeiden!